CityBilder Dresden – Interview mit Jens Besser

Über das Dresdner Mural-Projekt “Citybilder Dresden” haben wir ja schon öfter berichtet. Im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt wurden im vergangenen halben Jahr 11 Brandwände von Streetartists gestaltet. Das Projekt, das vom ortsansässigen Verein riesa efau – Kultur Forum Dresden organisiert wurde, hat vor kurzem mit einem Wandbild von 5×100 Metern, das der italienische Künstler Aris realisierte, seinen vorläufigen Abschluß gefunden.

Aus diesem Anlaß habe ich mit dem Künstler und Kurator Jens Besser ein Interview geführt.

Fotos: luckycat; vollständige Fotodokumentation des Projektes hier.

luckycat: Was hat dich motiviert ein Wandmal-Projekt dieser Größenordnung zu veranstalten und welche Rolle spielt der Dresdner Stadtteil Friedrichstadt dabei?

J.B.: Seit über 15 Jahren male ich auf Brachen in der Friedrichstadt. Brachen, die leider immer mehr abgerissen wurden, weil die Bausubstanz zu gefährlich war. Dadurch entstanden eine Menge Freiflächen im Stadtteil und viele Brandwände sind daher weit sichtbar. Die Friedrichstadt ist somit idealler Ort für ein Muralprojekt – es gibt mindestens 40-50 Brandwände im Stadtteil.
Die Friedrichstadt wird zerteilt durch einen Autobahnzubringer. Deshalb durchqueren täglich zig-tausende Pendler, Touristen, Anwohner und andere den Stadtteil. Entlang dieses Zubringers gibt es immernoch gut 10 weitere tolle Brandwände. Die Anzahl der teilnehmenden Künstler ergab sich aus der Fördersumme und natürlich dem Willen etwas weit Sichtbares zu schaffen.

luckycat: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem riesa-efau?

J.B.: 2009 kam es dazu, dass ich die Ausstellung “urban scirpt continues – muralismo morte”  in der motorenhalle durchführte. Die motorenhalle ist der Hauptausstellungsraum des riesa-efau. Eine ehemalige Fabrikhalle – mitten in der Friedrichstadt. Im Katalog zur Ausstellung stellten wir die Forderung nach mehr Wandmalerei im öffentlichen Raum. Bereits 2010 entstand die erste Brandwandbemalung auf dem Hof der motorenhalle. Stefan Schwarzer und ich bemalten die Brandwand an der Wachsbleichtrasse 6. Dieses Bild wurde im Vorfeld einer “EFRE- Förderung” Veranstaltung realisiert und die entsprechenden Vertreter der Stadt fanden die Idee gut. So kam es dann, dass 2011, etwas verspätet, das Geld floss.
Man muss noch dazusagen, dass der riesa-efau schon einige Kunstprojekte in Stadtraum der Friedrichstadt durchführte. 2005 war es “CityBrache” (daher kommt der Titel “CityBilder”). CityBrache bestand vor allem aus Installationen auf Brachflächen der Friedrichstadt. Ich selber fand schon damals das Projekt toll und habe regelmäßig die short-cuts genutzt. Short-cuts waren Hochwege die über Brachen als Abkürzungen führten, teilweise sogar durch Hinterhöfe. Leider sind alle short-cuts aus Holzpaletten gebaut gewesen und somit mittlerweile Vergangenheit.

luckycat: Wie lang hat die Organisation im Vorfeld gedauert ? Und welche Bürokratie musstet ihr konkret bewältigen?

J.B.: Als ich den Anruf bekam “Jetzt geht’s los” war es September. Und der Hauptteil des Geldes musste noch im selben Jahr ausgegeben werden. Entsprechend stressig gestaltete sich die Organisation. Wir hatten riesiges Glück, dass  wir eine recht trockene Novemberwoche erwischten. Es gab zwei Schauer. Hätte es durchgeregnet, wäre das Projekt gescheitert. Ein weiteres Problem war, dass die Künstler nicht vorab Vorort geholt werden konnten, dazu war nicht genügend Geld da. Mein Ansatz ist aber, dass jeder Künstler vor Ort die Skizze machen soll um sich mit den örtlichen Gegebenheiten zu beschäftigen. Dieser Ansatz macht bei Genehmigungsverfahren für Wandbilder natürlich riesige Probleme, denn wir konnten keine Skizzen den Genehmigungen beifügen, geschweige denn konnten wir mit Eigentümern über die Werke reden. Da war vorprogrammiert, dass es zu Stress mit Ämtern und Eigentümern kommen musste. Denn von Ämtern und Eigentümern, kann man leider nicht erwarten, dass sie sich mit zeitgenössischen Wandbildern beschäftigen. Zum Glück haben wir es dann mit einigen Tricks und viel Feingefühl doch noch hinbiegen können, dass im ersten Durchlauf 5 Wände realisiert werden konnten. Nachdem der erste Schritt passierte, lief alles besser. Der riesa-efau kümmerte sich um alle Genehmigungen und ich hatte mehr Zeit für die Künstlerkommunikation. Natürlich gab es an jeder Wand neue unvorhersehbare Probleme, aber die konnte man irgendwie entspannter klären. Ich muss dazu sagen, hätte ich dem ganzen vorprogrammierten Chaos nicht zugesagt, wäre CityBilder nie zustande gekommen, denn man bekommt nicht so einfach nochmal so viel Förderung mit einem Schlag angeboten.

luckycat: Habt ihr versucht die Anwohner des Stadtteils in die Entwicklung miteinzubeziehen und welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?

J.B.: Wir haben versucht Anwohner einzubeziehen. Wir haben an vielen Häusern Aushänge gemacht, der riesa efau als lokal verorteter Verein hat gute Pressearbeit geleistet. Doch die Bewohner kamen nicht zur Vorstellungsrunde. Wir haben mit den Künstlern eine Führung durch die Friedrichstadt gemacht, geleitet von einem Friedrichstädter “Heimatforscher”. Der war aufgeschlossen, wenngleich verknöchert und altmodisch in seinem Kunstverständnis. Ich selbst als Friedrichstädter muss sagen, dass viele Bewohner das Projekt im Nachhinein sehr positiv aufnehmen. Ich habe nachträglich viele postive Rückmeldungen bekommen und die Leute (vom Hartzer bis zur Oma) freuen sich über die Öffentliche Galerie im Stadtteil.

luckycat: Wie kam die Künstlerauswahl zustande?

J.B.: CityBilder fokusierte auf Künstler die schon seit vielen Jahren regelmäßig Kollaborationen an Wänden mit anderen Künstlern durchgeführt hatten, bei denen Stile ineinander verschmelzen. Im Gegensatz zu anderen Brandwand – Projekten stand für mich die künstlerische Zusammenarbeit im Vordergrund. Das Ego nach hinten schieben und in der (wenngleich auch kleinen) Gruppe rocken.
Zudem musste ich Künstler auswählen die in 3 Tagen eine Brandwandbemalung realisieren können. Da minimiert sich schnell die Zahl der Künstler die dazu in der Lage sind. Solche Kondition haben nur kontinuierlich aktive Wandmaler.
Mir war wichtig, dass die Maler auch aktiv auf der Strasse oder auf Zügen unterwegs sind.
Es gab natürlich auch Absagen, da einige Künstler sich nicht vorstellen konnten eine Kollaboration mit einem alten Künstlerkollegen durchzuführen. Wir haben einen sehr umfangreichen Überblick über zeitgenössische Murals geschaffen, viele Stile an gut sichtbaren Wänden platziert.

luckycat: Wie kam es zu der Idee den Fokus auf Wandkollaborationen zu setzten und nicht wie bei anderen Projekten jedem Künstler eine Einzelwand zu geben?

J.B.: Seitdem ich im öffentlichen Raum künstlerisch arbeite, waren Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern immer ein Bestandteil dieser Tätigkeit. Auf meinen vielen Reisen quer durch Europa und Lateinamerika habe ich mit unzähligen Künstlern gemeinsam Wandbilder legal, in Abrisshäusern oder illegal realisiert. Und ich war nicht der Einzigste der so um die Welt reiste. Fast alle Street Artists die ich kennen gelernt habe, wurden so künstlerisch um den Globus tätig. Austausch in der Szene, ob über das Internet oder in der realen Welt, war der treibende Faktor, wieso Street Art so einen großen Erfolg hatte.
In den Muralprojekten der letzten Jahre wurde dieser Teil der Street Art meines Erachtens vernachlässigt. Es wurden einzelne “Leuchttürme” der Street Art rausgepickt und die haben dann in jeder Metropole ein Wandbild hingesetzt. Mit der ursprünglichen Art, dass man in der Gruppe eine Stadt erobert hat das wenig zu tun. Zudem haben selbsternannte StreetArt – Kuratoren oft nur das nachgemacht, was sie in einer anderen Stadt gesehen hatten. Sie haben nicht Künstler eingeladen, der Kunst wegen. Stattdessen wurden Namen eingeladen um mit Ruhm zu trumpfen. Einen eigenen Ansatz haben ganz ganz ganz wenige.
Diese Erfahrungen führten dann zu der Idee ein Muralprojekt durchzuführen, dass auf künstlerischer Zusammenarbeit basiert.

luckycat: Wer hat das Projekt finanziell unterstützt und wieso? Welches Feedback habt ihr bekommen?

J.B.: Das Projekt ist vor allem mit Geldern aus einem EU-Topf (EFRE) gefördert. Und von der Landeshauptstadt Dresden – (da der Trägerverein am Tropf der Stadt hängt) . Ich fand es gut, das wir
erstens – kein Geld irgendwelcher dubiosen Großmarken genutzt haben, denn so werden wir zu keiner  Werbenummer gemacht. Ich finde das immer sehr schade wenn wirklich tolle Kunstprojekte durch Sponsoren mißbraucht werden, die einfach nur die “Street Art Kuh” melken wollen um Aufmerksamkeit für irgendein x-beliebiges Produkt zu bekommen, dass die Welt in den meisten Fällen nicht braucht.
zweitens – Kein Geld aus dem lokalen Kunsttopf direkt angezapft haben, denn dort fragen hunderte Künstler an. Daher ist der Etat des Amts für Kultur in Dresden schon extrem überbreansprucht.
drittens – Das Geld, das wir bekommen haben, regulär eher für Bautätigkeiten wie Strassenerneuerung, Umbau von Grünflächen, Förderung von Sanierungsmaßnahmen usw. gekommen ist. Diese Gelder werden sehr oft enorm verschleudert. Beispielsweise wurde ein bereits sanierter und schöner Park nochmals umgebaut. Für 100.000€ nebenbei bemerkt. Ich habe daher kein schlechtes Gewissen, dass wir eine nette Summe aus diesem Topf bekommen haben.
Der große Vorteil einer solchen Förderung ist, dass sich zwar die EU schmückt, was sie da tolles geleistet hat, aber die EU eben ein so abstraktes Gebilde ist, dass man nicht ausmachen kann, wo das Geld genau herkommt und wir daher keiner konkreten Institution bzw. einem konkreten Geldgeber zuzuordnen wären. Diese luxoriöse Situation hat man selten.
Bezüglich des Facts, wie wir alles finanziert haben und es aufgeteilt haben, gab es viel positives Feedback. Und ich muss sagen – ich würde es wieder so machen!

luckycat: Wie verhält sich das mit der Gentrifizierung im Stadtteil, denn das Projekt ist ja durchaus als Aufwertung des Stadtteils gedacht?

Ja, das Geld ist natürlich geflossen, weil man den Stadtteil damit aufwerten will. Wenn man aber von Gentrifizierung in der F-stadt reden will, muss man sich den Stadtteil erstmal genauer anschauen. In der F-stadt leben eine ganze Menge Leute, die Hartz 4 empfangen, Studenten oder Künstler sind. Dazu gesellt sich der Fakt dass es lange Zeit als Hochburg der NPD galt, es immernoch ne Menge strange Leute hier gibt.
Schon allein diesbezüglich finde ich es gut, dem rechten Gedankengut, was farbenfrohes, weltoffenes entgegenzusetzen.
Wenn man sich mit der Geographie des Stadtteils auseinandersetzt, stellt man fest, dass die F-stadt extrem zergliedert ist. Da gibt es in der Mitte einen riesigen Güterverschiebebahnhof. Dieser trennt “Dresden-Altona” vom Rest ab. Es laufen ungemein viele Hauptverkehrsadern durch. Autobahnzubringer, Fernverkehrstrassen, zwei Bahnstränge die den gesamten Dresdner Bahnverkehr bündeln. Es ist also ein so oder so nicht lebensfreundlicher Stadteil. Zumindest am Tag.
Wer dann noch die Bausubstanz kennt, stellt schnell fest – in der F-Stadt ist nichts zu holen. Und deshalb glaube ich, dass wir kaum als Gentrifizierungsmaßnahme ziehen werden. Man hat es schon zu oft in der F-stadt probiert und genau deshalb, wird’s auch diesmal nicht klappen ;)

luckycat: Welche Erfahrungen haben dich persönlich weitergebracht? Hast du Ratschläge/Empfehlungen für Leute, die gern etwas ähnliches organisieren wollen?

J.B.: Im Allgemeinen sollte man sich im klaren sein, dass man mit Kunst im öffentlichen Raum nicht das große Geld verdienen kann. Kunstprojekte wie dieses, basieren auf Idealismus und viel eisernen Willen etwas im öffentlichen Raum zu bewegen.
CityBilder basiert auf viel Idealismus von meiner Seite. Als Organisator bekommt man selten die Anerkennung, die Künstler für ihre Wände bekommen. Darüber muss man sich von Anfang an im Klaren sein. Leider gibt es doch immer wieder Leute, sowohl Künstler als auch “Besucher”, die das nicht sehen und daher nicht verstehen, wenn man als Organisator auch eine Auszeit braucht und Rücksichtnahme einfordert.
Ich fand es enorm wichtig, dass die Künstler Werke realisieren konnten, bei denen ihnen nicht reingeredet wurde. Wo keine Marke was mit zu tun hatte. Wo es schlicht um die Kunst ging. Das möchte ich immer so beibehalten, denn nur so kann man ehrliche Kunst schaffen.
Ich empfehle es jedem ein Kunstprojekt durchzuführen das einem am Herzen liegt. Man muss aber definitiv seine Grenzen kennen und mit negativer Kritik klar kommen. Man hat eine Menge Neider, wenn ein Kunstprojekt ordentlich Welle macht.

CityBilder ist vorerst beendet – aber es werden weiterhin Wandbilder in der Gegend entstehen wofür wir Künstler einladen werden.

Ich möchte allen Künstlern danken die da waren. Es ist immer eine anstrengende Sache, eine große Wand zu malen, aber der Aufwand lohnt sich.
Ich danke dem riesa-efau für den gesamten organisatorischen Part. Das war eine schreckliche Bürokratie, aber wir haben es gemeistert.
Ich danke den Geldgebern, ohne die es nicht möglich gewesen wäre, das Projekt in dieser Art zu realisieren.

Zu guter Letzt auch ein Dank an dich für die Dokumentation !

luckycat: Danke für dein Engagement und dieses Interview!

Hier nochmal die Fakten:

Künstler ( umgesetzt von Oktober 2011 – Juni 2012)
Ryan Spring Dooley (Mineapolis, USA) & Moneyless (Lucca, IT) – Wachsbleichstraße 6
Other (Montreal, CA) & Saddo (Bukarest, RO) – Waltherstraße 23
Kenor & H101 (Barcelona, E) – Schäferstraße 69
Graphic Surgery (Amsterdam, NL) – Vorwerkstraße 15
More (Sofia, BG), Xpome (Sofia, BG) & Jens Besser (Dresden, D) – Adlergasse 14
Zonenkinder (Hamburg) – Trafostation des Krankenhaus Friedrichstadt
Jens Besser (Dresden) – Behringstraße  11+14
FRM & Otecki (Wroclaw, Polen) – Wachsbleichstraße 69
140 ideas (Sofia, BG), Xpome (Sofia, BG), Jens Besser (Dresden, Germany) – Schwerinerstr./Könneritzstr.
Aris (Italy) – Betriebshof Walterstr.

Sonstiges:

Dieses Projekt wird aus Mitteln der Europäischen Union und der Landeshauptstadt Dresden gefördert.

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